Neulich sagte ein Unternehmer zu uns:„Mit Christen zu arbeiten ist … anders. Sie meinen es gut – aber irgendwie ist vieles komplizierter.“
Wir mussten lachen – und gleichzeitig nicken.
Denn ja, das erleben wir tatsächlich öfter:
Christliche Teams sind engagiert, leidenschaftlich, überzeugt – aber manchmal emotional schwer zugänglich, komplizierter, mit einer hohen Erwartungshaltung an andere.
Warum ist das so?
Wie kann eine Botschaft, die von Freiheit und Gnade spricht, in der Praxis oft so verkrampft wirken?
Genau das möchten wir heute aufdröseln.
Eine Wahrheit ohne Frucht
Wenn Menschen Christen werden und die gute Nachricht für sich entdecken – dann ist das erst einmal großartig. Alles scheint sich verändert zu haben. Der innere neue Mensch wird stürmisch begrüßt und irgendwann auch wieder vergessen
Vor einiger Zeit erzählte uns jemand genau von diesem Moment, als sein Innerstes neu wurde. Alles schien möglich zu sein. Und dann lachte er und meinte – „Aber das hat sich dann auch wieder gelegt – irgendwann war ich wieder geerdet.“
Die Begegnung mit dem Himmel veränderte alles – und blieb dann doch im Staub von Dornen und Steinen und felsigem Boden liegen. Die Sorgen des Alltags, fehlende Wurzeln und die Erfahrungen von Logik und Effizienz führten irgendwann zur Frage aller Fragen: Was bringt mir der Glaube eigentlich?
Genau hier liegt das Problem – der (kulturelle) Boden auf den das Evangelium fällt.
Der kulturelle Boden
Unsere westliche Welt hat uns über Jahrzehnte trainiert, vom Fühlen wegzukommen. Gefühle sind „weiblich“ (das wußte schon Sigmund Freud, daher erfand er das Wort Hysterie von griech. Hystera – Gebärmutter) „irrational“, „unkontrollierbar“.
In Schule und Beruf wird richtiges Denken belohnt – Fühlen nicht.
Nur was logisch und messbar ist, gilt als wahr
Wer stark und kompetent wirkt, gilt als erfolgreich.
Emotionale Menschen gelten als „schwierig“ oder „zu sensibel“.
Das Ergebnis:
Wir lernen früh, Gefühle zu managen und nicht als Signal zu verstehen. Immer mehr Menschen funktionieren gut, aber fühlen sich nicht mehr lebendig. Wir konsumieren Emotionen in Filmen oder Social Media Posts, anstatt sie selbst zu spüren.
Diese Haltung übernehmen viele Menschen einfach in ihren Glauben.
Sie funktionieren perfekt – haben aber keinen lebendigen Glauben.
Der religiöse Überbau
Wenn solche Menschen Christ werden, übersetzen sie ihre Kontrollmuster in geistliche Sprache:„Ich lebe nicht nach Gefühlen, sondern im Geist!“
Das klingt heilig, ist aber oft nur alte Selbstschutzstrategie im geistlichen Gewand.
Was früher hieß „Gefühle stören den Erfolg“, heißt jetzt „Gefühle sind fleischlich“.
Das Problem: Kontrolle ist das Gegenteil von Vertrauen.
Und Vertrauen ist das Herz des Evangeliums der Gnade
Das Ergebnis – kognitive Dissonanz
Kognitive Dissonanz ist ein innerer Spannungszustand, der entsteht, wenn Denken, Fühlen und Handeln nicht übereinstimm
Solche Christen beten korrekt, denken richtig, dienen treu – aber wirken gefühlskalt.
Man kann sich nicht wirklich mit ihnen verbinden.
Ihr Glaube bleibt technisch, nicht lebendig und herzensnah.
Sie glauben etwas – aber leben etwas anderes.
Sie sagen etwas – aber das Gegenüber spürt etwas anderes.
Unser Gehirn mag diesen Zustand nicht, weil er Unruhe erzeugt.
Darum versucht es, die Dissonanz aufzulösen, meist nicht durch echte Veränderung,
sondern durch Selbstrechtfertigung, Leugnung oder Umlenkung.
Christen sind – manchmal nicht ganz da
Vielleicht ist genau das der Grund, warum viele Christen lieber mit Nichtchristen arbeiten.
Nicht, weil Christen böse wären – sondern weil sie nicht ganz da sind.
Weil sie ständig einen Teil von sich verstecken müssen, damit alles geistlich korrekt bleibt.
Weil sie lehren, dass es für uns keine Verdammnis mehr gibt (Römer 8,1) und dann von der Bühne herunterkommen und nicht wissen, wohin mit ihrer Scham, ihrer Schuld, ihrem Minderwert.
Die Strategie
Um diesen Widerspruch zu ertragen, wählen Menschen viele unterschiedliche Strategien:
Gefühle leugnen:
„Ich bin im Geist, meine Seele und meine Gefühle spielen mir nur etwas vor“
→ Dadurch fühle ich mich wieder „richtig“, aber meine Gefühle bleiben trotzdem unverändert.
Lehre verschärfen:
„Wer zweifelt, ist nicht geistlich genug.“
→ Dadurch projiziere ich meine eigene Unsicherheit auf andere Menschen
Kontrolle erhöhen:
„Ich muss Ordnung schaffen, sonst wird’s chaotisch.“
→ So vermeide ich, mich meiner eigenen Unordnung zu stellen.
Das Ergebnis: Ich löse meine Dissonanz (harmonisch unangenehmes oder spannungsgeladenes Verhalten) nicht durch die Wahrheit auf, sondern durch Macht, Verdrängung oder Kontrolle.
Und wer dauerhaft in einer solchen kognitiven Dissonanz lebt, hält das in Beziehungen kaum aus.
Die Lehre vom Evangelium der Gnade wird dann zur Fassade, hinter der Unversöhntheit, Einsamkeit und emotionale Kälte weiterleben.
Doch das ist kein Endzustand.
Im nächsten Blog zeigen wir dir, warum Christen so oft emotional abgespalten leben – und wie echte Gnade uns wieder zu fühlenden, nahbaren Menschen macht.







