Auf unseren letzten Newsletter zum Thema „Warum ist es oft anstrengender mit Christen zu arbeiten?“ bekamen wir auffallend viele Rückmeldungen.
Heute wollen wir einen Schritt weiter gehen.
In unserer westlichen Kultur gibt es zwei Extreme: Entweder werden Gefühle wegrationalisiert – oder sie werden gehypt und zum Mittelpunkt unserer Identität gemacht.
Für viele lautet die Botschaft:
„Gefühle sind unwichtig“ oder
„Ich bin meine Gefühle.“
Beides ist ungesund.
Als Christ geht es dir vielleicht immer wieder so:
Du weißt, wer du in Christus bist.
Du weißt, dass du gerecht, geliebt und angenommen bist.
Und trotzdem fühlst du dich an manchen Tagen verletzt, überfordert, wütend oder leer.
Viele Christen fragen sich dann:
„Wie passt das zusammen? Ich bin doch eine neue Schöpfung – warum fühle ich mich manchmal so alt?“
Genau hier beginnt geistliche Reife. Nicht darin, gefühllos zu werden, sondern Gefühle ins Licht der Gnade zu bringen.
1. Du hast Gefühle – aber du bist nicht deine Gefühle
„Tu einfach, was sich für dich richtig anfühlt.“
Dieser Ratschlag ist gut gemeint, aber oft wenig hilfreich.
Wenn es sich morgens „richtig“ anfühlt, im Bett zu bleiben, ist das keine Option, wenn Kunden auf dich warten.
Gefühle sind veränderlich. Sie können sich in Minuten komplett drehen. Daher sollten wir weder blind auf sie hören noch sie unterdrücken.
Schon 1983 zeigte der portugiesische Neurologe António Damásio: Menschen treffen nur dann gute Entscheidungen, wenn Gefühl und Verstand zusammenarbeiten. Wir nennen das Intuition oder Bauchgefühl – und es ist enorm wertvoll.
Die gute Nachricht lautet: Gefühle sind weder gut noch schlecht. Sie sind erst einmal neutral. Einfach da.
Du kannst sie dir wie ein Thermometer vorstellen:
Sie zeigen dir, was in deinem Inneren passiert – aber sie bestimmen nicht die Temperatur.
Gefühle sind nicht deine Identität, sondern Boten, die dir zeigen, was in deiner „inneren Welt“ gerade vor sich geht.
- Wut zeigt: Eine Grenze wurde überschritten.
- Angst zeigt: In dieser Situation/bei dieser Person fehlt mir das Vertrauen.
- Trauer zeigt: Ich habe etwas Wertvolles verloren.
Gefühle sagen dir also nicht, wer du bist. Sie sagen nur, wie es dir gerade geht.
Deine Seele empfindet Dinge oder Situationen als ungerecht. Du trauerst, du bist wütend. Aber dein Geist bleibt gerecht, ganz und eins mit Christus.
Deine Seele lernt noch, diese Wahrheit widerzuspiegeln.
Darum darfst du alles fühlen – aber du musst dich davon nicht definieren lassen.
2. Warum viele Gefühle gar nicht „echt“ sind – sondern die Kinder deiner alten Gedanken
Die meisten Menschen glauben, Gefühle entstehen spontan.
Aber die Bibel und die Psychologie sagen etwas anderes:
Gefühle sind die Kinder deiner Gedanken – und Gedanken wachsen zu Überzeugungen.
Wenn du jahrelang gedacht hast:
- „Gott heilt heute nicht mehr.“
- „Ich muss stark sein und darf nicht schwach wirken.“
- „Vielleicht will Gott, dass ich unter meinem Potential lebe, damit ich nicht stolz werde.“
dann entstehen daraus Gefühle wie:
- Resignation
- Angst vor Enttäuschung
- Vorsicht
- dauerhafte Anspannung
- Hoffnungslosigkeit (fromm getarnt als „Realismus“)
Unser Gehirn liebt Übereinstimmung zwischen Denken, Fühlen und Erfahrungen.
Darum baut jeder Mensch sich — oft unbewusst — eine Theologie, die zu seinen Gefühlen passt, nicht zu Gottes Wahrheit.
Gefühle sind also nicht immer Ausdruck deiner Identität,
sondern Ausdruck deiner Geschichte.
3. Was passiert, wenn Wahrheit deine Gefühlstheologie herausfordert
Wenn du jemandem sagst: „Durch seine Wunden bist du geheilt“ (1 Petr 2,24) dann kollidiert diese Wahrheit oft mit alten inneren Überzeugungen.
Das Gehirn meldet Alarm:
- „Das passt nicht zu meiner Erfahrung!“
- „Das fühlt sich nicht sicher an!“
- „Ich könnte wieder enttäuscht werden!“
Gefühle geraten durcheinander:
Unsicherheit, Wut, Rückzug, Verwirrung.
Nicht weil die Wahrheit falsch wäre –
sondern weil sie alte emotionale Schutzmauern erschüttert.
4. Wie du jetzt gesund mit deinen Gefühlen umgehst
Ein gesunder Umgang mit sich selbst bedeutet, Gefühle wahrzunehmen und zu fühlen, ohne sofort darauf zu reagieren. Die Wut auf etwas oder jemand darf da sein, doch sie muss nicht mein Handeln bestimmen. Das ist die Freiheit von uns Menschen. Wir müssen nicht reagieren auf Gefühle. Oder wie Stephen Covey sagt: „Zwischen Reiz und Reaktion liegt ein Raum. In diesem Raum liegt unsere Macht zur Wahl unserer Reaktion. In unserer Reaktion liegen unsere Entwicklung und unsere Freiheit.“
Tatsächlich ist es grundsätzlich nie gut, wichtige Entscheidungen in hoch emotionalen Momenten zu treffen. Gefühle sind wie Wellen, die kommen und gehen. Schon morgen könnte mir die Reaktion von heute leid tun. Eine gute Hilfe, Zugang zu den eigenen Gefühlen zu bekommen, ist die Wahrnehmung meiner Gefühle und der Reaktion meines Körpers darauf.
Hier ist ein einfacher Weg:
1. Wahrnehmen
„Ich spüre gerade Angst / Enttäuschung / Wut.“
Benennen entlastet.
An diesem Punkt stellst du bewusst fest, was in dir geschieht.
Nicht bewerten, nicht analysieren, nur registrieren:
Da ist etwas in mir, das Aufmerksamkeit braucht.
2. Zulassen
Viele Christen überspringen diesen Schritt. Wir nehmen zwar wahr, dass ein Gefühl da ist, wollen es aber sofort wegmachen oder „geistlich lösen“.
Doch Zulassen bedeutet:
- dem Gefühl einen Moment Raum geben
- nicht sofort reagieren, erklären oder korrigieren
- ehrlich spüren, was gerade in dir geschieht
Zulassen heißt:
„Dieses Gefühl darf jetzt da sein – ohne mich zu bestimmen.“
Warum ist das wichtig?
Weil Gefühle, die wir verdrängen, später stärker zurückkommen.
Gefühle, die wir zulassen, verlieren ihre Macht.
Ein kurzer innerer Satz reicht schon:
„Ich darf fühlen, was ich fühle. Ich bleibe dabei – und ich bleibe im Licht.“
3. Übergeben
„Heiliger Geist, komm in dieses Gefühl hinein.“
Er geht IMMER mit dir dorthin.
Nachdem du gespürt hast, was in dir los ist und es nicht mehr bekämpfst, kannst du es jetzt bewusst in Gottes Gegenwart tragen. Wenn du Schritt 2 überspringst, kannst du Gefühle nicht abgeben.
Gefühle abgeben oder übergeben bedeutet nicht Flucht, sondern echte Begegnung mit Gott.
Hier kann der Heilige Geist trösten, ordnen, heilen, korrigieren, stärken – weil du dich nicht mehr vor deinem Inneren versteckst.
4. Erneuern
Suche die Wahrheit, die die Lüge korrigiert:
- „Ich fühle mich abgelehnt – aber ich bin angenommen.“
- „Ich fühle mich schwach – aber Christus lebt in mir.“
- „Ich fühle mich hoffnungslos – aber Gottes Verheißungen sind Ja und Amen.“
So wird Denken erneuert und Gefühle beginnen, der Wahrheit nachzufolgen.
→ Zum Mitnehmen
- Gefühle sind wertvolle Boten – und fühlen sich sehr real an aber nur Wahrheit kann bestimmen, wer du bist.
- Alte Gedanken erzeugen alte Gefühle.
Neue Gedanken (aus Gottes Wort) erzeugen neue Gefühle. - Gott will nicht, dass du deine Gefühle unterdrückst,
sondern dass du sie durch seine Wahrheit heilen lässt.
Denn Gnade will nicht, dass du funktionierst – Gnade will, dass du ganz bist.







