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Ein Plädoyer für Querdenker

Schon immer sehnte sich mein Geist nach Wissen(-schaft).
Daher war es nicht allzu verwunderlich, dass ich nach meiner erfolgreichen Ausbildung und Tätigkeit als Krankenschwester, den Weg in die Schweiz wählte, um dort am Theologischen Seminar St. Chrischona/Basel meinen Geist mit theologischem Wissen zu füttern.
Nicht ohne die  zu dieser Zeit üblichen Warnungen und das allgemeine Unverständnis meines direkten Umfeldes: „Du heiratest doch sowieso, wozu dann noch so ein Studium?“ Oder die Verwunderung meines damaligen Freundes – auf dem Weg ins Pfarramt: „Ich bin doch schon Theologe – wir brauchen doch nicht beide… !?“
Doch – ich brauchte – und machte mich auf den Weg in ein unbekanntes Land.

Meine Wahl sollte sich als Glücksgriff erweisen. Neben dem Studium des Alten und Neuen Testamentes, Kirchengeschichte, Systematische Theologie, Praktische Theologie und Religionspädagogik, gab es bereits zeitgleich Möglichkeiten, dieses Wissen in der Praxis anzuwenden. Learning-by-doing sozusagen. Studium mit integriertem Praktikum. Zwischen Hausarbeiten, Buchrezensionen und Prüfungen wusste ich manchmal nicht mehr, wo mir der Kopf stand.
Dass es sich lohnt – daran zweifelte ich keinen Augenblick.  Geheimnissen auf die Spur zu kommen, Dinge zu hinterfragen, und am Ende mit einer offenen Türe in Neuland belohnt zu werden, war schon damals für mich spannender als jeder Tatort. Kritische Fragen stellen, kreativ denken, neue Blickwinkel einnehmen – das war  mehr als Fachkompetenz zu erlangen. Hier gewann meine Persönlichkeit Format, indem neue Wege in meinem Gehirn entstanden. Und ganz nebenbei wuchs meine Sozialkompetenz.
Darf ich das so selbstbewusst behaupten? Ich darf.

20 Jahre später arbeite ich als Coach und Trainerin für Persönlichkeitsentwicklung. Zum Studium der Individual-Psychologie kam eine Ausbildung zum Trainer, Coach und Laufbahnberater.
Und nun sitzen sie vor mir: Menschen, die ihren Geist mit Wissen füttern, quer denken können, eine hohe Sozialkompetenz besitzen und trotz allem oft verzweifelt nach einem Job suchen.

Zum Jahr der Geisteswissenschaften 2007 wurde das Thema "Geisteswissenschaftler und Beruf" von verschiedenen Forschern untersucht. Bundesbildungsministerin Annette Schavan verwies damals auf den "Mut und Einfallsreichtum" der Geisteswissenschaftler. Aber sie sah auch das Dilemma eines hochkarätigen Studiums, das scheinbar oft in kein Berufsbild passt.  Dass die hochwertige Ausbildung keinen hinreichenden Schutz vor Prekariat biete, dass hinter dem hohen Anteil von Selbstständigen auch Notgründungen vermutet werden und dass Geisteswissenschaftler, um nicht arbeitslos zu werden, oft erhebliche Flexibilität und Konzessionsbereitschaft aufbringen müssten, all das war bekannt. Unabhängig vom Geschlecht verspricht ein Studium der Geisteswissenschaften den geringsten beruflichen Erfolg, stellt eine der Studien ernüchternd fest.
Dabei ist laut Rouven Sperling der Geisteswissenschaftler „das Schweizer Taschenmesser des Arbeitsmarktes - überall und universell einsetzbar.“

Hätte ich in Deutschland an einer Universität studiert, wäre ich vor diesen Problemen verschont geblieben. Der Weg ins Pfarramt wäre vorprogrammiert gewesen. Arbeitslos wäre ich wohl nicht geworden. Weil ich mein Studium aber in der Schweiz absolviert hatte, gab es nur wenige Möglichkeiten für mich.

Ich wäre aber eine schlechte Geisteswissenschaftlerin, wenn quer denken, neues wagen und kritisch hinterfragen nicht auf meinem Wahlprogramm stehen würde.
Auch das hat eine Studie zu Tage gefördert:
Geisteswissenschaftler besitzen die viel gerühmten "Schlüsselqualifikationen". Sie können sich schnell neues Wissen erschließen, können kommunizieren, organisieren und analysieren. Damit bringen sie genau das mit, was in der globalen Wissensgesellschaft gefragt ist, die den klugen Umgang mit immer neuen Fragen verlangt und nicht das Abrufen fester Wissensbestände.

Geisteswissenschaftler besitzen eine höhere Sozialkompetenz.
Einen Sachverhalt aus verschiedenen Blickwinkeln betrachten, Dinge hinterfragen und vorschnelle Lösungen kritisieren, das können Geisteswissenschaftler besonders gut, und sie machen es gerne.

Geisteswissenschaftler zu sein ist eine Haltung. Ich wage zu behaupten, dass wir höhere inhaltliche Ansprüche an unsere Jobs und auch höhere Ansprüche an uns selbst, an unsere kritische Reflexion haben.

Und ich wage auch zu behaupten, dass ein querdenkender Geist kompetenter mit der sich schneller drehenden Welt umgehen kann. Nicht allein der Erfolg treibt uns an, die Karriereleiter hochzuklettern. Wir fragen auch: An welcher Wand steht diese Leiter denn?
Manchem Unternehmen täte solch ein Querdenker gut.
Vor einigen Jahren noch prophezeite man mir, dass ich es schwer haben werde, als Theologin und Coach im Wirtschaftsleben einen Fuß auf den Boden zu bekommen. Heute erlebe ich genau das Gegenteil. Geisteswissenschaftler stehen nicht nur für Fachkompetenz, sondern mehr denn je für ethische Werte. Reinhard Sprenger bemerkt treffend: In Unternehmen „fehlen vor allem die geistigen Voraussetzungen, um den zukünftigen Herausforderungen auch nur angemessen begegnen zu können.“ [1]
Mehr Geisteswissenschaftler in der Wirtschaft – daraus könnte eine Geistes-Wirtschaft werden. Weg von höher, schneller, weiter – hin zu einer Sinnorientierten Wirtschaftlichkeit.
Ich werde meinen Geist weiterhin mit Wissen füttern, neue Straßen in meinem Gehirn bauen, kreativ quer denken – und mich mit dem Status Quo nicht zufrieden geben.



[1] Reinhard K. Sprenger, Das Anständige Unternehmen, DVA, 1. Aufl. 2015, S.23

 
 
 
 
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